Samstag, 4. März 2017

No air, no air



Nachdem nun denn die Bevölkerung erst vom Norovirus getroffen worden war, raffte in der Folge ein klassischer Atemwegsvirus die Leute dahin. Oder zumindest fast. Das Krankenhaus wurde so auch nicht leerer und wir meldeten uns von der Leitstelle bezüglich Sauerstoffplätzen ab. Alles voll.
An dieser Stelle reichte mir unsere verzweifelte Anmeldeschwester das Anmeldetelefon. Ein missmutiger Rettungsassistent erzählte mir, dass sie gerade Fräulein Annelie aus dem Pflegeheim mit einer Lungenentzündung abholen und nun zu uns bringen würden. Wie? Was ich denn wolle? Natürlich brauche die Frau Sauerstoff!
Ich erklärte, wie auch schon die Anmeldeschwester, dass alle Bettenplätze mit Sauerstoffanschluss schon vergeben wären, ABER die Nachbarklinik links von Beteigeuze hätte noch welche übrig und…
„Die haben abgelehnt“ bellte der Rettungsassistent grantig.
„Oh, komisch, das kann eigentlich nicht sein, mit denen habe ich erst vor wenigen Minuten telefoniert und da war noch Platz.“
„Können wir jetzt kommen?“ rief mein Gegenüber aufgebracht.
„Moment, nein. Wir können Frau Annelie so nicht unterbringen. Lassen sie mich schnell mit unserer Nachbarklinik telefonieren, was da los war. Bestimmt ein Missverständnis. Ich rufe sie gleich zurück.“
„Sie lehnen die Patientin also auch ab?!“
„Geben sie mir bitte die 3 min, das mit unserer Nachbarklinik zu klären!“
„Also wir kommen jetzt zu ihnen!“ schrie der sich nicht beruhigend lassende Rettungsdienstler und legte erbost auf.
Ich fühlte mich nun auch erbost und rief erst mal den Dienstarzt der Nachbarklinik an, was aus den fünf Sauerstoffplätzen geworden sei, von denen man mir vor einer Viertelstunde erzählt hätte.
„Hö?“ sagte Dienstarzt, „also bei uns hat kein Rettungsdienst angerufen und wir haben auch noch alle fünf Plätze frei. Ja, kein Problem. Wir reservieren dir einen für die Frau Annelie. Kannst du dann gleich zu uns verlegen.“
Wir warteten dann zwei Stunden auf die Ankunft der Patientin. Als ich schließlich in der Nachbarklinik links anrief um das reservierte Bett wieder abzubestellen, lachte der dortige Dienstarzt laut und erklärte, der Rettungsdienst hätte sich nicht mehr nach Beteigeuze getraut und schon vor einer Stunde Frau Annelie unauffällig bei ihnen abgeliefert.




Sonntag, 26. Februar 2017

Pfenniggut.



Im Klinikum Beteigeuze gibt es ein mobiles Sonographiegerät. Sehr praktisch und sehr begehrt ist das.
Irgendjemand schiebt eben jenes Gerät immer mit sich herum oder versucht es heimlich auf seiner Station zu horten. Aufgrund des hohen Gebrauchs ging es dann auch mal kaputt. Unwiderruflich kaputt. Ein neues Gerät musste her.
Na gut, dachten sich alle sonoaffinen Ärzte. Wie lang kann so ein Bestellvorgang schon dauern? Haha, unglaublich lange: Gerätekomitees mussten erstellt werden, WARUM überhaupt ein neues Gerät her sollte. Definieren sie erst mal das Wort „kaputt“. Alle Oberärzte mussten befragt werden. Mehrere Male. Blabla. Und einen Antrag hatten sie da immer noch nicht rausgeschickt.
Um nun aber ungeduldige Assistenzarztfußvolk zu beruhigen, das behauptete so in seiner Alltagsarbeit eingeschränkt zu sein, dachte sich die Geschäftsleitung fürsorglich eine Interimslösung aus.
Hatte man nicht im Keller noch ein 20 Jahre altes Gerät stehen, dass eigentlich aussortiert worden war, aber prinzipiell noch pfenniggut war? Ha. Also liebe Assistenzärzte: Hier euer Ersatzgerät für die nächsten drei Monate, oder auch länger, bis wir es eben geschafft haben ein modernes Ultraschallgerät zu besorgen.

Ich kam also aus dem Urlaub zurück und dachte mir, naja, egal, Hauptsache es macht ein Bild. Dann ging ich gespannt das Ersatzgerät suchen, denn ich wollte so einen Ultraschall machen.
Das Ersatzgerät bestand aus einem riesengroßen, gelblich-vergilbtem Kasten, auf dem ein großer Röhrenmonitor montiert war. Der Transport fühlte sich an, als würde man eine unangemeldeten Großüberführung einer kleineren Windmühlenturbine durch die Krankenhausgänge veranstalten und Leute starrten mich mit großen Augen an.
Im Zimmer angekommen betrachtete man gespannt, wie ich gedachte den riesigen Ultraschallkasten a) neben das Patientenbett und b) nahe genug an die Steckdose zu manövrieren. Nachdem ich das Bett des Patienten, seines Zimmernachbarn und dessen Nachtkästchen verschoben hatte, konnte ich aber tatsächlich SOWOHL Kabel einstecken ALS AUCH mit einem Ultraschallkopf den Patienten erreichen. HAHA. Musste ich nur noch anmachen, dieses Gerät. Hier verbrachte ich die nächsten 5 min oder auch länger, damit den Einschalt-knopf zu finden. Dieser befand sich ebenfalls in vergilbtem computergelb irgendwo in einer Rille des Kastens und nun musste ich nur noch weitere 5 min warten, bis das Gerät hochgefahren war und alle Lüfter gestartet hatte. Yay, endlich konnte die Untersuchung beginnen. Das Vergnügen wurde nur von einem breiten, schwarzen Streifen gestört, wo der Bildschirm mittig defekt war.
Besser als nichts, dachte ich mir und überlegte wie ich nun alles korrekt wieder ausschalten sollte. Zum Glück kam hier gerade meine Kollegin Dr. Bo vorbei, die dieses Ultraschallgerät auch wollte.
Ja klar, sagte Kollegin Bo, natürlich wisse sie wie man das Gerät ausschalte. Sprachs und zog den Stecker aus der Steckdose.


Sonntag, 19. Februar 2017

Kriminalpolizei



Am Abend verließ Frau Heimbitt nach einem Krankenbesuch das Klinikum Beteigeuze. Doch noch im Foyer mit Blick auf die aktuellen Nachtsterne wurde ihr wohl irgendwie komisch, so dass sie sich hinsetzte. „Ist alles in Ordnung?“ fragte die Pfortendame und löste den Reanimationsalarm aus. Denn Frau Heimbitt antwortete nicht mehr.
Das Reanimationsteam rauschte herbei. Frau Heimbitt konnte aber trotz großer Mühen nicht erfolgreich wiederbelebt werden. Das Reanimationsteam ging wieder weg. Zurück blieb ich, denn irgendwie fühlte sich nun niemand mehr zuständig und die goldene Regel des Klinikums Beteigeuze lautete: „Wenn sich keiner zuständig fühlt, dann ist es auf jeden Fall ein internistisches Problem.“ Der Internist, das war ich.
Mit Hilfe der Pfortendame fand ich schnell heraus, wen Frau Heimbitt besucht hatte. Die erschrockene Freundin erklärte, Frau Heimbitt wäre es geradeeben noch gut gegangen, eine engere Familie gäbe es wohl nicht. Ich hatte Glück und erreichte den Hausarzt, der eine Abendsprechstunde hatte. Nein Frau Heimbitt hätte außer etwas Bluthochdruck, keinerlei Erkrankungen gehabt. Nichts was ihr plötzliches Versterben erklären konnte.
Da man nun aber von mir erwartete irgendetwas in den Totenschein zu schreiben, fragte ich meinen Oberarzt, was immer eine beliebte Strategie internistischer Assistenzärzte ist. Diese eilte gerade in seinen ersehnten Feierabend und murmelte: „Da müssen sie „ungeklärte Todesart“* ankreuzen.“
Dies hatte ich noch nie getan, jetzt aber schon
Dann rief ich die Polizei an, da das Formular dies verlangte. 10 Minuten später stand eine Polizeisteife vor der Tür, die missverständlicherweise glaubte, jemand wäre gerade umgebracht worden. Enttäuscht rief der Alpha-Polizist nun seinen Vorgesetzten an, während der Beta-Teil seines Teams, welcher anscheinend noch nie eine verstorbene Person gesehen hatte, blass in der Ecke stand. Ich stand auch dumm in der Gegend rum.
Dann rief die Kriminalpolizei an und ein ärgerlicher Kriminalpolizist fragte ob ich denn wirklich ungeklärte Todesart ankreuzen wolle. Es folgte nun eine längere Diskussion in der der Kriminalpolizist rief ER hätte „natürliche Todesursache“ angekreuzt und ich sagte Frau Heimbitt hätte überhaupt keine Erkrankung, die dieses plötzliche Versterben rechtfertigen würden.
Ob ich diese Entscheidung den überhaupt mit meinem Hintergrund abgesprochen hätte?! Ja, natürlich, eine oberarztgestütze Ankreuzung wäre das.
Na gut dann würden sie eben eine dreivierte Stunde lang herfahren!!!
Zwei Stunden später rief mich die Pforte an, die Kriminalpolizei wäre nun da und würde auf mich warten.
Super. Inzwischen fühlte ich mich, als hätte ich persönlich die arme Dame in der Lobby ermordet.
Die Kriminalpolizei hatte wohl außerdem länger im Stau gestanden und hielt mir nun einen Vortrag, dass in dieser Klinik viel zu viele dieser Ärzte ungeklärte Todesart ankreuzen würden. Ich konnte mich zwar an keinen einzigen Fall erinnern, nickte aber freundlich und die Beamten waren im Anschluss auch erstaunlich nett. Man fertigte nun ein offizielles Vernehmungsprotokoll an, machte Fotos von Frau Heimbitt und dann ging ich schnell nachhause.
Frau Heimbitts Versterben wurde später wohl auf undefinierte Herzrhythmusstörungen geschoben.



*„ungeklärte Todesart“ : Es gibt zwar keine Hinweise auf eine Einwirkung von außen, die den Tod verursacht haben kann, aber trotz ausreichender Recherchen, kann keine körperliche Erkrankung benannt werden, die den Tod vermutlich verursacht hat.