Montag, 16. März 2020

Coronaalltag im Prädesaster-Stadium


„Jaja“, sagte Dr. Gnombille, „Verstehe, sie wollen endlich Facharzt werden, aber Ihnen fehlen noch Endoskopien? Also da teilen wir sie auf die Station 611 ein, da ist ja immer wenig los und sie können nebenher ALLE Untersuchungen machen, die ihnen belieben und bald sind sie Facharzt, haha!“ Dr. Gnombille teilte mich glorreich gleich ein und ich konnte mein Glück kaum fassen.

„Haha und guten Morgen“, sagte der Chefarzt, „willkommen zu unserer tollen Frühbesprechung in welcher wir Radiologen bedrängen und der Dienstarzt im Rekordtempo von seinen Erlebnissen berichtet. Wie sie wissen ist ja gerade diese Coronakrise. Nach mehreren geheimen Gesprächen, deren Inhalt geheim ist, haben wir festgestellt: Blöd, aber da müssen wir uns mit diesem Krankenhaus  beteiligen und ein internistischer Arzt muss alle potentiellen Covid19 Fälle betreuen, also entscheiden ob man Abstriche machen, Abstriche an sich machen usw. Äh ja, also wer kann das machen? Am Besten sie Frau Zorgcooperations. Sie sind jetzt ja auf der Station 611, da haben sie bestimmt nichts zu tun und äh herzlichen Glückwunsch, sie sind es jetzt: der Coronaarzt. Viel Spaß.“

Gargh.

Bald wusste ich die beliebtesten Urlaubsziele der Beteigeuzer Lehrerschaft: nämlich Südtirol und wenn nicht das, dann zumindest Mailand, auch bekannt als Coronarisikogebiete. Auch Ärzte gehen gerne dorthin.

Gargh zwei.

Ein Tag als ambulanter Coronaarzt:

Kurz nach 8, winkend verabschiede ich meinen Oberarzt, der jetzt alleine Visite auf Station 611 macht. Er will mir später einen Zettel mit dem Wichtigsten hinlegen (oder auch nicht ähm).

Halb 9 oder so. Vor der Klinik stapeln sich die Verbotsschilder: Betreten verboten, nur Befugte, kommen sie bloß nicht rein, und wenn sie glauben Covid19 zu haben, dann folgen sie diesen roten Pfeilen um die halbe Klinik herum zu einer Extratür, die wir aus einem bodentiefen Fenster gebastelt haben. Warten sie bitte mehrere Stunden lang an jener Stelle bis wir sie drannehmen können zusammen mit anderen potentiell Coronaverdächtigen und wenn sie vorher kein Covid19 hatten, dann ist dies ein guter Ort es zu bekommen.

Innen im Zentrum sind ich und 3 Pflegekräfte. Die Anweisung von RKI und Klinikleitung: Nur Risikopatienten MIT Symptomen abstreichen. Wir haben zu wenig Testkits und das Labor ist superüberlastet. Bis zum Testergebnis warten wir ca. 2 Tage.

Wir haben sogar eine neue Lieferung an flimsigen, nicht passenden FFP2 Masken bekommen. Vielleicht ist aber auch einfach mein Kopf so deformiert. Ich gehe in die Notaufnahme und besorge aus dem Restbestand alter Masken eine, die dicht sitzt und seitlich keine Löcher für fliegende Coronatröpfchen lässt. Vermutlich kommt sowieso bald die Person, die hier in der Klinik Desinfektionsmittel und Schuhe (warum?) klaut und nimmt die Masken mit.

Im Coronazentrum streiken derweil PC und Drucker. Deswegen können wir erstmal gar nicht machen außer mit der IT zu telefonieren („Also von unserer Seite aus funktioniert doch alles?“ – „Gä? Bei uns aber nicht?“) Jeder zu Testende muss nämlich erstmal das wichtigste überhaupt: seine Krankenkasssenkarte abgeben, auf das wir ihn in den PC aufnehmen, 50 Kleber mit seinem Namen ausdrucken und den Hausarzt notieren.

Nun denn nach einer halben Stunde sind wir soweit, die IT hat über Fernwartung Teile der Probleme behoben (ins Zentrum traut sich keiner) und wir sammeln die ersten Patienten. Nach kurzer Befragung: WO waren sie, haben sie einen Covid19 Patient getroffen und haben sie ÜBERHAUPT Beschwerden, entscheiden wir uns für einen Abstrich oder nicht. Dieser Schritt scheint viele Leute zu verwirren, so dass ich bald darauf vor der Klinik stehe und laut rufe: „WIR MACHEN KEINE TESTS, WENN SIE KEINE SYMPTOME HABEN!!!“ Hierauf reduziert sich die Zahl der Wartenden um die Hälfte.

Den Rest schleußen wir nun durch die deutsche Bürokratie. Nach jedem Abstrich fülle ich 4-5 Formulare aus: Erst einen Bogen für die Klinik WARUM in aller Welt ich jetzt den Abstrich gemacht habe, dann einen Überweisungsschein für das externe Labor und außerdem einen Anforderungsschein für dasselbe Labor WAS ich überhaupt will und WANN unser toller Abstrich war. Außerdem brauche wir natürlich einen Meldezettel für das Gesundheitsamt, wer, hier warum was wann hat und wenn der Patient in einem Risikogebiet war, dann bitte auch diesen extra Risikogebietzettel für die Hygieneabteilung (?!?) und das Gesundheitsamt, weil äh so Zettel sind ja immer gut. Dann noch einen Zettel, wer von der Klinik jetzt Kontakt mit diesem Patienten hatte. Am Ende auf alles einen Stempel, haha das wars auch schon, der nächste bitte.

Ich verbringe so den Tag damit 200-300 Zettel auszufüllen und zu unserem großen Glück ist keiner schwer krank, was ein riesiger Pluspunkt ist. Gegen 14.30 Uhr sind die Tages-äh-abstriche erledigt und ich begebe mich mit einem Musmatschgehirn auf meine Station, an deren Eingang ein Schild hängt: „Keine Besuche wegen Corona.“. Die Klinik hat versäumt  eine einheitliche Schilderstrategie  diesbezüglich vorzugeben, so dass ich mich sehr an den kreativen Schilder des Pflegepersonal freue, die von formlosem Besuchsverbot (s.o.) über anschauliche Besuchsverbotsdiagramme bis zu Drohungen gehen, die Polizei einzuschalten, solle man doch wagen diese Station zu betreten.

Bald macht das Gesundheitsamt eine Teststation auf. Wir hoffen auf mehr Ruhe. Oder so ähnlich.


Freitag, 24. Januar 2020

Anti-Wasser-Therapie


Frau Krumpl wurde von ihrem Hausarzt ins Klinikum Beteigeuze geschickt, da sie schlecht Luft bekäme. Man sollte das mal genauer analysieren. Der Aufnahmearzt notierte sich Beinödeme und brodelnde Geräusche über der Lunge, diagnostizierte hieraus eine Stauungspneumonie und schickte Frau Krumpl auf eine Station. 

Mit einem Standard-Antibiotikum verlief die Therapie der Lungenentzündung super. Die entwässernde Therapie war dagegen nicht so der Erfolg. Frau Krumpl schimpfte, wir würden alles nur noch schlimmer machen. Daheim hätte sie NIE Wasser in den Beinen gehabt! Ich wedelte mit dem Aufnahmebogen herum, auf dem groß „BEINÖDEME AUF BEIDEN SEITEN“ stand und auch die Vielzahl an beliebten Wasser- und Blutdruckmedikamenten, welche schon im häuslichen Einsatz der Frau Krumpl waren, widersprachen der Theorie, dass das ein neues Problem war.

Frau Krumpl war mit diesem belehrenden Vortrag jedoch nicht einverstanden und streckte ihrerseits ihre Beine in meine Richtung, an deren Unterschenkeln sich langsam Wasserblasen bildeten. Zugegebener weise hatte sie trotz unserer Supertherapie inklusive Erhöhung der entwässernden Medikation weitere 5 Kilo zugenommen. Ich intensivierte unsere Anti-Wasser-Therapie weiter und belästigte die Kardiologen, man solle doch endlich mal den versprochenen Herzultraschall machen, auf dass wir wüssten was die Ursache der Probleme wäre, vielleicht die vorbekannte Veränderung einer der Herzklappen?

Die echokardiographisch tätigen Kardiologen ließen sich schließlich zu so einer professionellen Ultraschalluntersuchung hinreißen und teilten mir mit: Jop. Alles ist viel schlimmer geworden. Frau Krumpl habe nun eine sehr schwere Verengung einer essentiellen Herzklappe, daher die jetzige Dekompensation mit Wassereinlagerungen. Man müsse das nach medikamenteninduzierter Wasserentfernung unbedingt operieren.

Wir trafen uns nun also alle mit Frau Krumpl und deren Angehörigen um das zu besprechen. Intensives diuretisches Vorgehen mit unseren fancy und hochdosierten Super-Medikamenten und dann dringend OP.

„Jop“, sagte Frau Krumpl, „ich wollte fragen ob sie hier auch Akupunktur machen? So gegen Wasser?“
„Öh nein“, sagte ich, weil von Antiwasserakupunktur hatte ich noch nie gehört. Ganz davon abgesehen, dass dieses Krankenhaus lavendelgetränkte Watte-Schmetterlinge als höchstes der alternativheilkundlichen Gefühle verteilte. Dies wollte ich Frau Krumpl lieber nicht anbieten. Auch riet ich vom Transport zum 100 km entfernten Entwässerungs-Akupunkteur ab, denn Frau Krumpl war in keinem Zustand der täglich stundenlanges Herumgefahre freundlich überstanden hätte, ganz zu schweigen bezüglich der versicherungsrechtlichen Probleme.

Alternativ stellte mir nun Frau Krumpls Sohn eine Sammlung an Schüsslersalzen vor die Nase, ob das denn nicht was wäre. Auch hätte er in diesem Homöopathiebuch verschiedene Globuli und auch andere Medikamente herausgesucht, ob ich das empfehlen könne? Was wäre denn mit dem Strophantin D4? Könne man nicht das geben? Familie Krumpl war sehr höflich, bestand aber nun auf eine naturheilkundliche Beratung. Was würde ich denn nun da empfehlen?!!

Inzwischen fühlte ich mich sehr verwirrt, erklärte das Salz an sich bei Herzinsuffizienz suboptimal wäre und Strophantin sowieso nicht mehr leitliniengerecht sei, wir hätten da bessere Medikamente; bezüglich Schüsslersalzen und Globuli gäbe es auch an sich keine wissenschaftliche Evidenz (abgesehen der Placeboeffekt). Da beides hochverdünnt sei, hätten wir aber, wenn der Wunsch danach bestände prinzipiell kein Verbot derer. 

„Ok“, sagte Frau Krumpls Nichte und schlug das Buch an einer anderen Stelle auf, „was wäre denn dann mit dem Convallaria? Wäre das nicht was?“ Meine Lateinkenntnisse hatten mich schon lange vorher verlassen und ich erklärte, ich würde das mit dem Convallaria nachschauen. Bis dahin würden wir unsere schulmedizinische Antiwassertherapie mit beliebten Diuretika wie Furosemid fortsetzen.

Dies funktioniert nun nach den initialen Problemen sehr ordentlich und ich plante all die präoperativen Untersuchungen für die Herzklappen- Operation, woraufhin mich Frau Krumpl’s anderer Sohn anrief, was denn mit dem Convallaria wäre, ich hätte doch zugesagt, mir das zu überlegen. Glücklicherweise hatte ich dies als professioneller Arzt in diesem Internet nachgelesen Convallaria majalis wären Maiglöckchen, welche prinzipiell herzwirksame Glykoside enthalten. Das von Familie Krumpl angestrebte Maiglöckchenpräparat war jedoch hochhomöopathisch verdünnt, so dass ich nochmals erwähnt, dass es hier keine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus gäbe, aber wenn Familie Krumpl unbedingt ein homöopathisches Mittel anwenden wolle, dann könne man das schon machen und zum Beispiel das Convallaria-Globuli-Präparat nehmen. Frau Krumpls Sohn war sehr erfreut und fragte sofort, was ich denn dann für eine Dosis empfehlen würde. Verzweifelt sagte ich hier, man könne ja mal mit einem Globulus pro Tag anfangen (immerhin ist es dann nicht so teuer!) und schauen, wie Frau Krumpl das äh vertrage.

So machen wir es dann und nach 3 Wochen konnten wir Frau Krumpl erfolgreich zur Herzklappenoperation schicken. 


Mittwoch, 27. November 2019

Caca de luna und andere Pilze



„Ja hallo. Meine Frau und ich habe so ein Pilzgericht gegessen und jetzt erbrechen wir uns. Meinen sie das ist schlimm?“ 

„Äh hallo. Was für Pilze waren das denn?“

„Die hat ein Freund von uns gesammelt. Was meinen sie was wir tun sollen?“

„Ja hm. Da ist es wohl besser, sie kommen mal vorbei. Am Besten sie bringen ein paar Pilzreste mit.“

„Ja aber die Pilze sind jetzt alle in so einem Pilzragout gekocht.“

„Können sie vielleicht noch davon etwas bringen?“

„Aber unser Freund und das Pilzgericht wohnen eine Stunde entfernt von uns!“

„Hmhm, vielleicht können sie trotzdem was bringen lassen?“

Ungefähr 2 Stunden später kommen Herr und Frau Kimmele in die Notaufnahme. Unklar ist was sie solange gemacht haben. Pilzreste besorgt auf jeden Fall nicht. Beide leiden unter Erbrechen und Durchfälle. 

Ich versuche mehr Pilzdetails zu ergattern: Steinpilze, Moospilze und Maronenpilze wären es gewesen. Der Freund sei erfahren und hätte bis jetzt immer die richtigen Pilze gesammelt. Allerdings würde er sich nun auch erbrechen. 

Meine komplettes Pilzwissen beschränkt sich im Detail auf die gelbe Lohblüte, welche überraschend im Garten meiner Mutter auftauchte und von mir per Internet notfall-identifiziert wurde, ob deren Gefährlichkeit. (Ein Schleimpilz, der aussieht wie Bauschaum und in Europa als ungenießbar eingestuft wird. In Mexiko nennt man ihn anscheinend liebevoll Caca de luna und grillt ihn. Hmhm.) 

Dieses Wissen ist leider aktuell nicht zielführend. Deshalb rufe ich die Giftnotrufzentrale an, welche mich mit weiteren pilzspezifischen Fragen löchert: Moospilz sei keine korrekte Pilzbezeichung! Und wären die gesammelten Pilze jetzt nur Röhrenpilze oder auch Lamellenpilze gewesen?!!? (Was ist mit Schleimpilzen?!)

Upgedatet in neuer Pilzterminologie versichert man mir, dass Kimmeles Freund eigentlich nur Röhrenpilze sammelt. Die Giftnotrufzentrale vermutet nun ein gastrointestinales Frühsymptom, welches durch verdorbene Röhrenpilze verursacht werden kann und rät mir zu Kohle zum potentiell Toxin binden zu verteilen, auch wenn es dafür schon etwas spät ist.
Sollten die Symptome über 6 h anhalten, empfiehlt mir der Giftnotruf-Pilzexperte aber trotzdem das klassische Anti-Knollenblätter-Pilz-Mittel. Nur für den Fall der Fälle. Silibinin hat einen Handelsnamen der an Herr der Ringe erinnert: Legalon, und ich habe es noch nie benutzt. 
Die Tiefen des Notfallschranks geben aber viel her, unter anderem auch eine Packung Legalon, welches in weißen, pulvrigen Klumpen in braunen Glasfläschchen lagert. Fühle mich wie eine alte Kräuterhexe, während ich darauf warte, was mit Familie Kimmeles Symptomen passiert.

 Frau Kimmele geht es inzwischen wieder gut. Herr Kimmele überschreitet in zu später Stunde das äh Zeitfenster und erhält das Herr-der-Ringe-Medikament.

Noch später erzählt mir Frau Kimmele, dass sie sich nun den Intoxikationsgrund überlegt hätte: Sie wären nämlich zu fünft beim Pilzmahl gewesen. Drei Person der Gesellschafft hätten auch noch den Kartoffelsalat von gestern gegessen: Ihr Mann, sie selbst und der Freund, also denen den es danach schlecht ging. Die anderen beiden, die nur Pilze aber keinen Kartoffelsalat verzehrt hätten, denen ginge es gut. Hmhm.


Samstag, 19. Oktober 2019

So ein banaler 24 h Notarzt-Bereitschaftsdienst:


08.00 Uhr: Ich ergattere das notwendige Notarztzubehör von meinem Vorgänger: Ein Telefon, das nur in der Klinik funktioniert, einen Piepser, das Notarzt-IPad, das Ladegerät für das IPad.
Weil es noch so früh am Morgen ist, schlafe ich erst mal weiter.

11 Uhr: Das Wetter ist schön. Der Alarm piepst: ein Mann sei mit dem Fuß in den Rasenmäher getreten. Der Fuß wäre nun weiß (?!?) und blutüberströmt. Olli, mein Fahrer brettert durch die Landschaft. Auf halbem Weg funkt die Leitstelle: Doch nicht so schlimm, nur eine kleine Abschürfung, die Notfallsanitäter vor Ort hätten das im Griff, kein Notarzt von Nöten. Olli hält erst mal auf einem Parkplatz, damit die Autofahrer, welche wir geradeeben wild überholt haben, unbemerkt an uns vorbeifahren und nicht denken wir wären blöd oder Idioten oder nur zum Spaß da.

15 Uhr: Das Wetter ist immer noch schön. Beim Frauenfußballtunier in der hintersten Ecke von Beteigeuze ist jemand schlimm umgeknickt. Wir fahren gefühlt eine halbe Stunde durch idyllische Landschaft. Wir halten für ein Reh. Der Rettungswagen ruft uns ungeduldig an, wo wir eigentlich blieben. Ich erzähle dem Notfallsanitäter schon mal was er an Schmerztherapie machen kann. Der versteht nur die Hälfte, weil wir fahren ja besonders schnell mit Blaulicht und Trallala. Wiederhole mich circa. 5 Mal damit alles klappt.
Ankunft: Aha, Kniescheibe disloziert, vermutlich mit zusätzlichem Bänderriss.  Schmerzmittel ist ja schon appliziert. Ich appliziere noch mehr davon, und kämpfe mich durch mir nicht vertrautes Fußballerinnenzubehör mit Stollenschuhe und Schienbeinschützer. Wir reponieren die Kniescheibe, schienen alles und fahren den ganzen Weg zurück. „Meinen sie dass ich morgen wieder in meinem fußläufigen-gehintensiven Beruf arbeiten kann?“-„Äh, nein.“

17 Uhr: Es regnet. Herr Michele ist im Altenheim vom Stuhl gefallen. Jetzt habe er starke Rückenschmerzen. Herr Michele ist superdement und hat keinen Plan was ich eigentlich von ihm will oder warum wir um ihn herumspringen. Er liegt am Boden und lächelt freundlich, während ich ihn untersuche: Abschürfungen an den Armen und eine Platzwunde am Hinterkopf. Außerdem tut der Rücken weh, wenn man ihn bewegt. Nach etwas Schmerzmittel lagern wir Herr Michele achsengerecht und alles auf eine Schaufeltrage und dann auf eine Vakuummatratze, um dann dem Altenheim zu entfliehen. Das Personal fängt derweil Herrn Michels beste Freundin ein, die die Gelegenheit nutzt, dass die Tür offen ist.
Der Chirurg schimpft, wir sollen nicht so viele chirurgische Patienten bringen.

21 Uhr: Nachforderung vom Rettungsdienst. Frau Pflein-Plaume hat in einem Pflegeheim gewohnt, da sie einen Schlaganfall hatte. Jetzt habe sie kein Geld mehr und wäre vor einigen Tagen zurück in ihre Mietwohnung gezogen. Heute sei sie schon zwei Mal gefallen. Die Nachbarn hätten den Rettungsdienst alarmiert. Frau Pflein-Plaume will aber nicht in eine Klinik.
Die Wohnung stinkt nach Fäkalien. In der Spüle liegt das schmutzige Geschirr der letzten Tage, auf dem Tisch eine halbverzehrte Mahlzeit in einer Aluschale.
Ich untersuche Frau Pflein-Pflaume. Aufgrund des Schlaganfalls läuft sie unsicher. Sonst fehlt ihr nichts. Das Ganze ist ein organisatorisches Versorgungsproblem.
Wir reden lange auf Frau Pflein-Plaume ein. Frau Pflein-Pflaume ist orientiert, bei sich und sagt repetitiv nein. Sie geht nicht mit in die Klinik! Zwingen können wir sie zu nichts.
Am Ende geben wir zur Sicherheit ihr Handy in die Hosentasche, damit sie jederzeit Hilfe rufen kann und verlassen das Haus mit schlechtem Bauchgefühl. 

01.00 Uhr: Am anderen Ende von Beteigeuze habe sich irgendjemand wohl ganz schrecklich betrunken. Wir fahren erneut eine halbe Stunde durch die dunkle, idyllische Landschaft und illegalerweise (mit Blaulicht vielleicht auch legal) durch diverse Absperrhütchen und eine große Baustelle. Wir halten für noch ein Reh.
Winkende Leute weisen uns ein. In der Wohnung herrscht gepflegte Hysterie. Natascha, 15 Jahre alt oder so hat Geburtstag gefeiert. Dann sei es Jan nicht gut gegangen und jetzt liege er da! Nataschas Mutter erklärt aufgeregt, dass die Kinder doch gar keinen Alkohol bekommen hätten! Natascha weint und schreit. Nataschas Freundin würde gern ein Smartphonevideo machen. Jan stöhnt und macht die Augen auf, wenn man ihn rüttelt. Ich lasse ihn in stabiler Seitenlage liegen, nehme Natascha kurz mit mir in eine Sofaecke: „Habt ihr wirklich keinen Alkohol getrunken?“ – Ja, sie hätten ein Picknick gemacht und wären dann noch bei Nataschas Freundin im Garten gewesen. Prosecco hätten sie getrunken und so ein Cola-Mischgetränk und Wodka auch. „Was?! Wer hat euch Prosecco und Wodka gegeben?!“ Nataschas Mutter ist nicht erfreut.
Immerhin wissen wir jetzt mehr über das Problem von Jan. Der Blutzucker ist in Ordnung, die Vitalparameter auch. Als tugendhafter Junge hat Jan seine Krankenkassenkarte dabei, was immer ein essentieller Punkt im Rettungsgeschehen ist. Weil Jans Eltern 2 h entfernt wohnen, geht Nataschas Mutter mit ins Krankenhaus. Wir packen Jan ein, fahren los und während ich noch denke: „Wie schön, dass er auf dem ganzen Transport nicht erbrochen hat, spuckt Jan beim Einbiegen in die Klinikauffahrt einmal komplett über sich und die Liege; Teile landen auch in der Tüte, die ich und die Notfallsanitäterin verzweifelt vor sein Gesicht drücken. Der Aufnahmearzt freut sich, oder vielleicht auch nicht.
Ich schlafe weiter, stelle aber den Alarmierungs-Piepser von diskreter Vibration auf lautes Piepsen, weil ich Angst habe einen Alarm zu verschlafen.

05.30 Uhr: Der Piepser explodiert mit 100 Dezibel neben mir. Ich falle aus dem Bett, der Adrenalinspiegel am Anschlag (Ich weiß schon, warum dieser Piepser tagsüber auf diskretem Vibrationsalarm eingestellt ist.) „Mann liegt in Schlafsack am Straßenrand.“ „Hä?“ frage ich Fritzi meinen neuer Notarztfahrer, „Wie? Liegt am Straßenrand in einem Schlafsack? Ist er tot? Schläft er?“ Fritzi lässt sich durch dumme Fragen nicht durcheinander bringen. Wir rasen durch den Morgen und erreichen besagte Straße. Die Notfallsanitäter sind zeitgleich angekommen und erspähen einige Zelte in einem Feld. Ist es das? Ein Notfallsanitäter stapft ins Feld. „Die schlafen alle.“ „Hast du keinen geweckt?“ „Nee, habe ich mich nicht getraut.“
Wir fahren weiter die sehr lange Landstraße entlang. „Ah Moment!“ Ich erspähe einen tarnfarben gefleckten Schlafsack, direkt neben der Straße. Das wird es sein. Wir halten und ich knie mich ins nasse Gras. „Guten Morgen? Wir sind vom Rettungsdienst.“ Keine Reaktion. Ich rüttle vorsichtig am Schlafsack. „Machen sie mal die Augen auf!“ Ein erboster Mann mit grauem Militärhaarschnitt schält sich nun aus der Schlafgelegenheit. „Grmpf! WAS SOLL DAS? WAS WOLLEN SIE?!“ Wir stehen inzwischen zu viert um den Mann: 2 Notfallsanitäter, Fitzi und ich.  „Jop“, sage ich, „sie haben halt hier am Straßenrand geschlafen. Da hat sich jemand Sorgen gemacht!“ „NIRGENDWO HAT MAN SEINE RUHE!“ schimpft der Mann während er in seine Stiefel steigt, den Schlafsack in einen Rucksack stopft und quer übers Feld verschwindet.
Wir verschwinden auch wieder. Ich versuche verzweifelt dem Ei-Pad klar zu machen, dass wir zwar „Patienten“kontakt hatten, aber keine Vitalparameter erhoben haben. Diese Option hält das Programm nicht vor. Ich schreibe das Problem im Kommentarfeld auf.

SCHLAFEN!
08.00 Uhr der Folgetag-Notarzt ist da und löst mich ab. Yay!