Samstag, 6. August 2016

Minzbikalium



Dr. Minzbi war sehr gewissenhaft. Eher so supergewissenhaft. Alles soll perfekt sein. Superperfekt. So.
Sonntagnacht nahm Dr Minzbi Frau Gräupfe auf, die einen komischen Infekt hatte. Dr Minzbi konnte auch nicht wirklich sagen, woher der kam, dieser Infekt, und das trotz sorgfältiger Untersuchungen, womit er einen längeren Zeitraum (ca. die ganze Nacht) ausgefüllt hatte. Deshalb fühlte sich Dr. Minzbi auch nicht sonderlich gut. Zu all dem hatte Frau Gräupfe auch noch eine transplantierte Niere, was jetzt nicht zur Unkompliziertheit der Angelegenheit beitrug. Aber Dr. Minzbi hatte sorgfältig ein Antibiotikum ausgewählt und für den nächsten Tag (Montag war das) nochmal einen Haufen Blutuntersuchungen angeordnet.

„Hallo Frau Gräupfe“, sagte ich, „hier brauchen wir nochmal Blut, an diesem schönen Montagmorgen und der Blutabnahmedienst hat ja nichts abnehmen können von ihnen, deswegen treffen sie jetzt mich, ihren Stationsarzt!“
Frau Gräupfe lag schlaff und schwach im Bett und sagte sie hätte keine anstechbaren Venen mehr und sie wünsche mir viel Spaß. Nach diesen ermutigenden Worten piekte ich dann irgendwie winzige Vene an und bekam tatsächlich das gewünschte Blut für zwei Abnahmeröhrchen. Als ich das letzte und dritte Röhrchen anschloss, verweigerte das Venchen aber die weitere Kooperation. Ein winziger Tropfen Blut rollte in die Monovette, das war’s. „Naja“, dachte ich mir, „auch egal, das war ja nur noch für das Kalium das in der Nacht  vor ca. 4 Stunden im niedrig-normalen Bereich gewesen war. Da brauchen wir jetzt nicht unbedingt eine Kontrolle. Das ändert sich nicht so schnell in den 4 Stunden. Hier liebe Schwester. Nimm‘ diese Röhrchen. Das für’s Kalium kannst du getrost wegwerfen. Da ist zu wenig Blut drin.“
Die Schwester war hiervon verwirrt und schickte einfach alles ins Labor. Das Labor dachte: Was ankommt muss auch analysiert werden! Sie schafften es auch tatsächlich einen Kaliumwert aus dem Blutströpfchen zu ziehen, der Wert befand sich aber jenseits von gut und böse. Damit hätte die Patientin mindestens tot sein müssen. Naja, wir wussten alle WARUM der Wert so war und das Labor schrieb nett zum Kalium-Befund dazu, dass dieser wegen eines „unterfüllten“ Abnahmeröhrchens nicht zu verwenden war.
Ich verlegte Frau Gräupfe dann noch am selben Tag in eine andere Klinik, in der sie mit ihrer Nierentransplantation besser versorgt war.

Es folgte der nächste Tag und Dr. Minzbi war frisch erholt vom Dienst wieder da. Entsetzt stellte er fest, dass seine Patientin Frau Gräupfe verlegt worden war. Ob er da Sonntag wohl eine Fehlentscheidung getroffen hatte? Hätte er sich vielleicht schon in der Nacht verlegen sollen? Sofort rief er seine Kollegin, die Frau Zorgcooperations an, die diese Verlegung veranstaltet hatte.
„Jaja, keine Panik“, sagte ich, „der Frau Gräupfe ging es halt im Laufe des Tages immer schlechter, das konntest du ja nicht wissen und da dachten wir jetzt verlegen wir sie ins Uniklinik rechts von Beteigeuze. Die haben auch die Nierentransplantation gemacht.“
Dr. Minzbi war nicht zu beruhigen und begann mir nun von den Untersuchungen der Nacht zu erzählen, wo er NICHT herausbekommen konnte, WAS das für ein Infekt war. „Hmhm“, sagte ich“, der Oberarzt hat mit mir auch alles nochmal angeschaut. Wir wissen auch nicht was genau sie hat. Mach‘ dir keine Gedanken. Ich muss jetzt aber schnell aufhören zu telefonieren, ich mache gerade Visite!“
Minzbi ignorierte meine Anmerkung über die Visite und rief nun verzweifelt: „Und habt ihr die Kaliumwertkontrolle von gestern morgen gesehen!“
„Jop. Die stimmt nicht.“ Die Begleitschwester der Visite rüttelte ungeduldig an meinem Visitenwagen.
„WIE KANNST DU SAGEN DAS STIMMT NICHT!?“ Dr. Minzbi schien der nicht mit dem Leben vereinbare Kaliumwert den Rest zu geben.
„Das ist eine Fehlabnahme.“ erklärte ich nun beruhigend.
„WOHER KANNST DU WISSEN DASS DAS EINE FEHLABNAHME IST?!!“
„WEIL ICH ES SELBER ABGENOMMEN HABE! Ich muss jetzt wirklich die Visite weiter machen!“
Dr. Minzbi grummelte dann noch etwas, warum wir den Kaliumwert nicht nochmal abgenommen hätten und hätte Frau Gräupfe schönere Venen gehabt, dann hätten wir das vielleicht sogar getan.


Samstag, 30. Juli 2016

Ich weiß von nichts.



Und  da hatte ich den Obersten der Kardiologen zu meinem gastroenterologischen Patienten gezogen, der außer  gastroenterologischen Beschwerden auch einen Haufen weitere Probleme hatte. Zum Beispiel ein schwaches Herz. Der Kardiologe analysierte dies nochmals eingehend und sagte dann: „Dieser Patient, der braucht ganz eindeutig Medikament-das-toll-für-so-ein-Herz-ist-aber-nicht-ganz-so-für-die-Niere! Das hätte er schon längst haben müssen!“
„Hmhm, der Patient hat auf beiden Seiten eine Schrumpfniere“, erklärte ich die Abwesenheit jenes Medikaments.
„Ja egal, er braucht das trotzdem!“
„Er hat auch eine ziemliche Niereninsuffizienz deswegen“, wandte ich nun ein und wedelte zum Beweis mit den Laborwerten des Vortages umher, „da wäre das Medikament eigentlich kontraindiziert!“
„Haha, nein. Wollen sie etwa, dass er an den kardiologischen Beschwerden verstirbt? Sie müssen hier eindeutig dem Herzen den Vorrang geben!“
Wir schrieben also alles so auf wie vom Obersten der Kardiologen angeordnet.

Am Tag darauf nun trafen sich genannter Kardiologe, der zuständige gastroenterologische Oberarzt und auch ich stand daneben. Man besprach dies und jenes und kam auch nochmals auf die Therapie des beschriebenen Patienten zu besprechen.
„Jaja“, sagte der Gastroenterologe, „dieser Patient hat ja eine ziemliche Niereninsuffizienz!“
„WAS?!“ rief der Kardiologe und schien aus allen Wolken zu fallen, „WIE? Eine Niereninsuffizienz?!“
Genau, hat ihm ja auch nie jemand gesagt… 


Samstag, 23. Juli 2016

Seitenverkehrtes Gehirn?



Herr Brozom war bewusstlos. Daher hatte man ihn auf eine Intensivstation gebracht und an ein laut piepsendes Beatmungsgerät angeschlossen. Außerdem sollte Herr Bozon einen zentralen Venenzugang am Hals erhalten um Medikamente zu bekommen, die kleine Venen in zerbröselnde Paketschnur oder so etwas ähnlich verwandeln. Also musste ein großer Zugang in ein noch größeres Gefäß her. Weil sonst gerade niemand übrig war und der Venenzugang dringend war, wurde ich abgeordnet das zu tun. Bewaffnet mit einem mickrigen Ultraschallgerät, welches überaus grisselige Bilder produzierte, legte ich also einen 15 cm langen Zugangsschlauch in eine große Halsvene links (nennen wir diesen Schlauch mal professionell ZVK) und dann machten wir ein Röntgenbild um zu sehen wie Herr Brozoms Lunge überhaupt aussah und ob mein Super-ZVK gut im Gefäß lag und zum Beispiel nicht zu weit vorgeschoben das Herz ärgerte.
Die Röntgendame kam und *zing* erhielten wir so ein Röntgenbild.

Ich ging also hin und schaute es an. Das Bild. Ziemlich verdreht war es, eine Lungenentzündung hatte er bestimmt auch der Patient und moment, hatte ich den ZVK nicht auf der linken Seite angelegt? Ich ging zum Patienten zurück. Oh ja LINKS.
„Sag‘ mal Anästhesist, schau‘ das Bild, denkst du das ist Seitenverkehrt?“
„Hm nein Frau Zorgcooperations.“
„Aber warum ist mein ZVK dann rechts?!!“
„Naja, das könnte ein EKG-Kabel sein.“
„Und wo ist dann mein ZVK?!!!“
Hier mischte sich der vorbeilaufende Chirurg ein: „Du hast ihn ins Gehirn geschoben!“
„Das kann gar nicht sein!“
„DOCH, DOCH, ICH SAGE DIR: DU HAST DEN ZVK INS GEHIRN GESCHOBEN!“
Hier rief ich einen Radiologen an, der sagte die Röntgenaufnahme sei sehr verdreht und außerdem seitenverkehrt. Der ZVK liege richtig und auf der linken Seite. Nein, nicht im Gehirn.