Samstag, 19. November 2016

Falsche Lautstärke



Da wollte ich noch schnell diese Blutkonserven anhängen. Die Konnektionsstelle des Beutels hatte einen Materialfehler. Dies stellte sich beim Anbringen des Infusionssystems heraus. Blöd.
Ich ergoss Blut über mich, den Boden, umgebende Schränke und Schubladen. Nachdem Verlust des ganzen Transfusionsblutes (naja ca. einem Viertel) gelang es mir das Leck provisorisch abzudichten und ich hoffte inständig es würde halten, bis der Patient fertig transfundiert wäre.
Während ich noch versuchte die mit Blut be-äh-netzten Oberflächen und meine Schuhe zu reinigen, reichte man mir das Dienstschwesterntelefon. Ich hätte doch versprochen mit den Angehörigen von Herr Glaum zu sprechen. Weil ich jetzt aber so lange nicht gekommen wäre (Besser wenn Familie Glaum nicht erfährt warum)., wären sie schon heimgegangen.
„Ja hallo hier Zorgcooperations…“ ich erzählte, dass es Herrn Glaum gerade sehr schlecht ginge, außer der schweren Lungenentzündung habe er vermutlich auch zu wenig getrunken und wir erhofften uns der Patient würde wieder wacher werden, nach unserer professionellen Antibiotika- und Flüssigkeitstherapie. Aber wie gesagt es ginge ihm wirklich schlecht.“
„Ach was!“, sagte Frau Glaum hier, „sie müssen einfach lauter sprechen! Dann reagiert er auch.“
Ah. Irgendwie hatte ich das Gefühl dieses Telefonat war nicht so optimal gelaufen. Resigniert besorgte ich mir einen neuen Satz Arztkleidung und vermerkte zu Sicherheit in Herrn Glaums Akte man solle laut sprechen.

 

Samstag, 12. November 2016

Statik vs eine Magenblutung



Es war dunkel, als Frau Binichim-Bi eine große Menge Blut ausspuckte. Das Problem hierbei war: Frau Binichim-Bi nahm außerdem gerinnungshemmende Medikamente und äh in den letzten Tagen vielleicht auch etwas viel davon. Nachdem Frau Binichim-Bi gar nicht mehr aufhörte Blut heraufzuwürgen, beschloss man sie in so ein Krankenhaus zu bringen. Der Rettungsdienst steuerte panikartig das nächstbeste an: Beteigeuze City Klinik.

Die Krankenhausnotaufnahme verfiel unverzüglich in rege Betriebsamkeit. Infusionslösungen, Blutkonserven, Gerinnungsfaktoren und ein Oberarzt wurden herbeigeordert. Das Labor rief aufgeregt an, die Patientin hätte einen Hb-Wert von ungefähr 3 g/dl.  Ich rannte wild hin und her, Blutkonserven an die Patientin anschließend, ein Bett auf der Intensivstation musste her, eine Magenspiegelung wurde performt und die Blutungsquelle verschlossen. Nach zwei Stunden hatte sich Frau Binichim-Bis Zustand halbwegs stabilisiert. Ich setzte mich zum Ehemann, erklärte alles sehr ausführlich, beantwortete alle Fragen und ging dann zur Sicherheit noch mehr Blutkonserven an Frau Binichim-Bi anzuhängen.

Eine halbe Stunde später rief Herr Binichim-Bi nochmals an. Es gäbe da doch einige Fragen mehr. Ah. Ok kein Problem. Hierauf begann Herr Binichim-Bi nochmals genau die Fragen zu stellen, die er einer halben Stunde schon einmal gefragt hatte und die wir eigentlich ausführlich besprochen hatten. Verwirrt sagte ich also nach einer Weile so etwas wie: „Ja, in der Magenspiegelung konnte die Blutung gestoppt werden. Wie ich vorhin ja schon erklärt hatte.“
„Ich weiß, ich weiß“, rief Herr Binichim-Bi, „aber meine Tochter und die Schwester meiner Frau hören gerade mit und wissen es noch nicht. Deswegen frage ich alles nochmal.“
Ah. Super-Strategie. Nun ja, vermutlich müsste man mir die Berechnung der Statik eines mittelgroßen Einfamilienhauses auch mehrere Male erklären ohne dass ich es verstehen würde.
Ich erzählte also alles nochmals, worauf hin die Tochter ihrem Vater mittendrin ungeduldig das Telefon entwandt: „Also Frau Doktor Zorgcooperations, normalerweise ist meine Mutter ja sonst immer in Betreuung von Professor Blorgh in der Uniklinik rechts von Beteigeuze. Da fühlt sie sich immer sehr gut betreut. Können sie meine Mutter nicht dorthin verlegen?“
„Öh, wenn das ihre Krankenkasse zahlt, kann man das später schon tun.“
„Wir sind immer sehr zufrieden mit Professor Blorgh und möchten dass sie auch von ihm wieder betreut wird.“
„Wie gesagt das können wir später …“
„Ach so, jetzt würde das nicht gehen?“
„JETZT?!“
„JA!!“
„Urgh, öh, also jetzt ist halb vier in der Nacht und ihre Mutter ist weiterhin in einem nicht sonderlich stabilen Zustand. Da verlegen wir nicht ohne Not.“
„Oh schade.“
„Ja. Schade. Hm. So sind wir.“

 

Samstag, 5. November 2016

Gefühlt



Ein schlechtes Herzgefühl wäre das.  Als ob es gleich aus der Brust falle. So könne er auf keinen Fall die Nacht noch aushalten. Nein, nein keine Schmerzen. Ein schlechtes Herzgefühl! So.
Herr Gisami krümmte sich missmutig vor der Notaufnahme zusammen und zur Vorsicht ließen ihn die Schwestern rein und holten gleich so einen Arzt.
„Hm hm komisch“, sagte ich und versuchte das Chaos zu ordnen. Wir besorgten uns Proben von Herrn Gisamis Blut und testeten auf Hinweise für Lungenembolien, Herzinfarkte oder vielleicht auch einen 08/15 Infekt. Wir machten ein cooles Röntgenbild und selbstverständlich auch ein EKG. An einen Überwachungsmonitor tat ich Herr Gisami um eine mögliche Herzrhythmusstörung sofort erkennen zu können. Ich fragte viele und komplizierte Fragen. Ich klopfte, hörte und zog ausführlich an Herrn Gisami herum.
Einen Ultraschall machte ich.
Herr Gisami schimpfte ununterbrochen, dass Gefühl wäre überhaupt nicht besser und er fühle sich gar nicht gut fühle.
Hm.
Nachdem ich nun aber nichts fand, zog ich nun meinen hocherfreuten Oberarzt dazu. Der Oberarzt machte nochmal einen Ultraschall, fragte Herrn Gisami ein weiteres Mal und ordnete noch mehr Blutwerte an.
Wir beschlossen Herrn Gisami aufzunehmen. Am nächsten Tag würden wir eine Magenspiegelung machen. Mehr Blut abnehmen, vielleicht auch ein CT tun. Ich schrieb einen langen Anweisungsplan für die Station, auf dass auch alles gut klappen würde und außerdem Herr Gisami die Nacht ordentlich überstehen würde.
Dann ging ich hin und sagte: „Wie besprochen nehmen wir sie jetzt auf die Station 12 auf und werden morgen noch mehr Untersuchungen machen. Bis dahin werden wir…“
„Oh“, sagte Herr Gisami, „Ich möchte doch nicht hierbleiben. Ich gehe jetzt heim.“
„Bis vor einer Minute hatten sie noch ein sehr unangenehmes Gefühl im Brustkorb?“
„Jaja, das ist immer noch da“, Herr Gisami stand auf und sammelte seine Jacke und Ehefrau ein, „aber ich gehe jetzt heim. Vielleicht komme ich später nochmal.“
In der Tür drehte sich die Ehefrau um und fragte noch beiläufig: „Moment! Was ist eigentlich bei ihren ganzen Untersuchungen herausgekommen?“ Herr Gisami war da schon draußen.